| Mamapoppelen |
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| Donnerstag, 28. Januar 2010 - 00:00 | |
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Schon der gestrenge Finanzminister Tommaso Padoa Schioppa hatte die italiensche Jugend unwirsch gerüffelt und mit ihr natürlich auch die protektive Elternschaft, die sich ihre Kinder viel zu lange im Hause hält. Nun hat Minister Renato Brunetta nachgezogen, er will sie mit einem Scheck von 500 Euro aus „Hotel Mama" hinauszahlen. In Italien ist es ja üblich, dass 70 Prozent der Jugendlichen erst mit 40 Jahren „Hotel Mama" verlassen, die Anzahl der Vierzigjährigen, die noch bei Muttern wohnt, ist beachtlich, und viele kehren dann nach einem missglückten Ehe-Intermezzo wieder in ihr Kinderzimmer zurück, das Mutter immer putzt und bereithält. In Südtirol sind es viel weniger, aber immerhin 28 Prozent. Nun möchte der Minister die Nesthocker aus dem Elternhaus treiben und die „Mammoni" zum Schritt in die Selbstständigkeit motivieren, er will ihnen erleichtern, dass sie sich endlich von zu Hause abnabeln und den Weg in die Freiheit wagen. Schon traurig, wenn ein Minister hergehen und den Jungen einen Tritt in den Hintern geben muss, damit sie endlich vom Rockzipfel der Mutter loskommen. „Bamboccioni" klingt sehr despektierlich, erwachsene Kinder eben, unreif und nicht fähig, das Leben selbst in die Hand zu nehmen, verwöhnte Fratzen, die sich in „Hotel Mama" gut einrichten, die Eltern ausnutzen bis zum Gehtnicht-Mehr, bindungsunfähig, verhätschelt. Nesthocker. Der Minister fragte sich auch besorgt, wie denn dieses Land aussehen werde, in dem die jungen Leute bis zum 35./40. Lebensjahr zu Hause blieben, sich bis 40 als „Ragazzi" fühlten, als „Ragazzi" lebten, nicht heirateten oder auch nicht in Partnerschaft zusammenlebten. Etwas stimmt da nicht mehr, denkt der Minister und glaubt, dass man irgendwie gegensteuern müsse. Ich stimme mit dem Minister überein und würde per Gesetz verfügen, dass die Kinder in der Regel nach Erreichung der Volljährigkeit bzw. nach dem Abschluss des Studiums oder der Ausbildung von zu Hause ausziehen müssen. Per Gesetz. Denn dann beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Die beschützte Jugendzeit ist vorbei, es beginnt das Leben als Erwachsener mit allem, was dazugehört, Beruf, Karriere, Partnerschaft. In meiner Jugend musste uns niemand dazu zwingen, die elterlichen Wohnungen zu verlassen, wir taten das freiwillig, zu groß war der Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit. Das hieß aber nicht, dass wir unsere Kontakte mit zu Hause abbrachen, Mutter blieb weiterhin heilig und moralische Instanz in allen Dingen, und natürlich hat sie auch weiterhin für die Wäsche gesorgt. Aber man trug Verantwortung, man musste zurechtkommen, jobben, wirtschaften. Heute verspürt die Jugend keinen Zwang, von zu Hause auszuziehen, weil sie zu Hause alle Freiheiten genießt. Sie gehen und kommen, wann sie wollen, sie werden umhegt und umsorgt, gratis, Papa ist mit dem wöchentlichen Scheck nicht fad, das Kinderzimmer ist sturmfrei, die Freundin schläft natürlich mit dem Herrn Sohn, Mama besorgt sogar die Kondome und bringt am Morgen das Frühstück ans Bett, sie freut sich ja so, wenn der Bub eine nette Freundin hat und wenn er es zu Hause treibt und nicht anderswo, man weiß ja nie. Die meisten Jungen sind aber wegen der prekären Arbeitsverhältnisse quasi genötigt, zu Hause zu bleiben. Wenn jemand zehn und mehr Jahre nach der Promotion noch keinen geregelten Arbeitsplatz hat, von Projekt zu Projekt irrt, von Unbefristet zu Unbefristet, von ex-CoCoCo zu Ich-AG, bis 40 noch keinen Cent Rente eingezahlt hat, weil die heutigen, mobilen Arbeitsverhältnisse so organisiert sind, dass dafür der Arbeitnehmer aufkommen muss, dann kann man verstehen, warum „Hotel Mama" die einzige Bleibe ist, in der frau/man sich nicht arm und unerwünscht fühlt. Wie soll denn eine junge Frau, die trotz aller Master im Monat 1.500 Euro verdient, eine Miete zahlen, die in Bozen 1.000 Euro kostet und mehr? Gute Frage. Wir haben eine Jugend herangezüchtet, die ohne Eltern nicht lebensfähig ist. arnold.tribus@tageszeitung.it
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