
Zehn Tage Emotion: LanaLive 2026 bringt Ute Frevert, Mona Lisa Tina und elf weitere Programmpunkte nach Lana
Zehn Tage Emotion: LanaLive 2026 bringt Ute Frevert, Mona Lisa Tina und elf weitere Programmpunkte nach Lana
Inhaltsverzeichnis
Eine Landkarte aus Gefühlen
LanaLive ist seit Jahren bekannt dafür, sich an einem Thema festzubeißen und es transdisziplinär zu durchleuchten. 2026 ist es die Topographie des Fühlens – ein Begriff, der zunächst widersprüchlich wirkt. Topographien vermessen Land. Gefühle entziehen sich jeder Vermessung. Genau in dieser Spannung bewegt sich das Festival: Welche Emotionen prägen das gesellschaftliche Klima einer Region, die zwischen Tradition und Wandel, zwischen Nähe und Distanz oszilliert? Welche Gefühle werden öffentlich gezeigt – und welche bleiben unausgesprochen, verborgen, privat?
Die Antworten gibt das Festival nicht in Vorträgen allein. LanaLive arbeitet mit dem ganzen Spektrum kultureller Ausdrucksformen – Musik, bildende Kunst, Performance, Diskurs, Workshop – und nimmt das Publikum dabei nicht als Zuschauer ernst, sondern als Mitspielende. Wer kommt, wird Teil einer kollektiven Erforschung dessen, was Lana und seine Umgebung im Innersten bewegt.
Die Eröffnung: Scham, Nähe und ein leeres Zentrum
Den Auftakt macht am Freitag, 8. Mai 2026, die italienische Künstlerin Mona Lisa Tina mit ihrem partizipativen Projekt l’h per vergognArti. In einer Stunde, allein mit der Künstlerin, sprechen Teilnehmende über familiäre Scham, Intimität und Vertrauen. Es ist ein leiser, fast intimer Auftakt – und ein programmatischer: LanaLive 2026 beginnt nicht mit dem großen Knall, sondern mit dem, worüber selten gesprochen wird.
Am Samstag, 9. Mai 2026, öffnet im Raiffeisenhaus Lana die Ausstellung Hinterbühne der Gefühle. Sie verbindet Kunst, Video und Performance zu einem immersiven Parcours, der das Publikum nicht informiert, sondern hineinzieht. Wer hindurchgeht, soll spüren – nicht analysieren. Parallel dazu zeigt die Junge Braunsbergbühne ihre Erstaufführung Zwischen uns: eine theatrale Untersuchung von Nähe und Distanz, in der Gefühle nicht erklärt, sondern zwischen Körpern, Blicken und Bewegungen sichtbar gemacht werden.
Wenn das Smartphone zur Gefühlsfalle wird
Mitten in der Festivalwoche, am Dienstag, 12. Mai 2026, widmet sich Manuel Oberkalmsteiner einem Thema, das längst niemand mehr ignorieren kann. #Touched – Wie das Digitale uns bewegt ist Vortrag und Workshop zugleich. Es geht um die Macht der Bilder, die Psychologie sozialer Netzwerke und die unbequeme Frage, warum uns das Smartphone oft nicht mehr loslässt. Dass diese Auseinandersetzung in Lana stattfindet – und nicht in einem urbanen Tech-Hub – ist Teil des Konzepts. Gerade in einer ländlichen Region, in der das Digitale traditionelle Lebenswelten stärker verschiebt, hat dieses Thema besondere Sprengkraft.
Einen Tag später, am Mittwoch, 13. Mai 2026 um 20:00 Uhr, öffnet das Raiffeisenhaus seine Türen für etwas, das man in einem Kulturfestival nicht erwartet: It Follows, der Horrorfilm von David Robert Mitchell. Doch der Film passt genau – als cineastische Auseinandersetzung mit Angst und Verletzlichkeit, mit dem, was uns verfolgt, ohne dass wir es benennen können. Genre-Spannung wird hier zum Werkzeug emotionaler Tiefenbohrung.
Brokkoli, Politik und sieben Thesen
Donnerstag, 14. Mai, wird zum Tag der Kontraste. Um 18:00 Uhr verwandelt das Ensemble Animativa mit der Zirkusshow Manege frei für das Restaurant Verde – Brokkoli und das Menü der Gefühle die Bühne in eine Achterbahn der Emotionen für die ganze Familie. Eine Stunde später, um 19:00 Uhr, betritt mit der Historikerin Ute Frevert eine der renommiertesten Stimmen der internationalen Emotionsforschung das Festival. Ihr Vortrag Politik und Gefühl – eine unheilige Allianz? stellt sieben Thesen zur Geschichte der Emotionen in der Moderne vor und fragt, wie politische Gefühle Gesellschaften formen – und manchmal zerreißen.
Diese Programmierung ist typisch LanaLive: Hochkultur und Familienprogramm, akademischer Diskurs und körperliche Erfahrung – nicht getrennt, sondern bewusst nebeneinandergestellt. Wer am Donnerstag zwischen Brokkoli-Zirkus und Frevert-Vortrag pendelt, hat nicht nur einen guten Festivaltag erlebt, sondern eine kleine Theorie des Fühlens am eigenen Leib durchgespielt.
Klang, Farbe, Wasser, Licht
Am Freitag, 15. Mai, übernehmen die elektronischen Klangwelten von The Bugfix. Ihr analoges Live-Set Gefühlsrauschen erschafft fünf emotionale Welten ausschließlich klanglich – ein Konzert, das auf Bilder verzichtet und das Ohr zum Hauptorgan der Erfahrung macht.
Der Samstag, 16. Mai, bündelt schließlich die Vielfalt des Festivals. Vormittags treffen sich Interessierte beim Malworkshop FREUDE mit Anita Kröss und Karin Mittersteiner: intuitives Malen, Farbe und Bewegung als unmittelbare Sprache der Emotion – ohne Vorkenntnisse, ohne Anspruch, mit dem Vertrauen, dass die Hand weiß, was der Kopf nicht sagen kann. Abends folgt mit Arsenal von Kineret Haya Max eine Performance, die zwischen Wasser, Licht und gelebter Realität vermittelt – eine künstlerische Auseinandersetzung, die biographische Erfahrungen zwischen Südtirol und Israel verarbeitet.
Den offiziellen Festivalabschluss gestaltet die Bürgerkapelle Lana mit Klang in Bewegung – einer Symbiose aus Blasmusik und Tanz, die Tradition emotional und künstlerisch neu interpretiert. Dass eine traditionelle Musikkapelle in einem zeitgenössischen Kulturfestival den Schlusspunkt setzt, ist programmatisch: LanaLive versteht Tradition nicht als Gegensatz zur Avantgarde, sondern als deren Quelle.
Ein Nachklang im Juni
Auch nach dem offiziellen Festivalende wirkt LanaLive weiter. Am 6. und 7. Juni, jeweils um 19:30 Uhr, präsentiert das Frauenensemble Raindrops ihren Konzertabend Tu mi fai girar – eine Verbindung aus Chormusik, Bewegung und emotional aufgeladenen Texten, die das Festivalthema in den Frühsommer trägt.
Warum dieses Festival 2026 besonders ist
LanaLive war schon immer mehr als ein Veranstaltungskalender. Es ist ein jährliches Experiment, Lana und Umgebung durch ein bestimmtes thematisches Prisma zu betrachten. Vergangene Ausgaben haben den öffentlichen Raum, das Bauen, das Erinnern in den Blick genommen. 2026 wagt sich das Festival an etwas, das schwerer zu fassen ist als alles bisher: an die Gefühle selbst.
Die Auswahl der Beitragenden zeigt, wie ernst es das Festival mit dieser Frage meint. Internationale Stimmen wie Ute Frevert oder Kineret Haya Max treffen auf lokale Akteure wie die Bürgerkapelle Lana und die Junge Braunsbergbühne. Wissenschaft trifft Zirkus, elektronische Musik auf Blasmusik, Performance auf Vortrag. Das Programm ist kein Patchwork, sondern eine sorgfältig komponierte Partitur – und die Frage „Was fühlt Lana?“ ist ihr roter Faden.
Praktisches
- Datum: 8. – 17. Mai 2026 (Nachklang am 6. & 7. Juni 2026)
- Ort: Lana und Umgebung, Südtirol
- Programm & Tickets: lanalive.it/programm
- Information: lanalive.it
Wer zehn Tage lang in Lana eintauchen will, sollte sich die Termine schon jetzt im Kalender markieren. Wer es nicht zu allen Veranstaltungen schafft, sollte zumindest einen Tag herausgreifen – am besten den 14. Mai, wenn Brokkoli und Politik aufeinandertreffen, oder den 16. Mai, wenn das Festival in seine vielfältigste Form findet.
LanaLive 2026 fragt: Was fühlt Lana? Die Antwort gibt es nicht beim Lesen. Sondern beim Kommen.
